Archiv für das Tag 'Klinik'

Die erste Chemotherapie: Taxol

26. August 2010

An diesem Tag war ich natürlich extrem aufgeregt. Ich hatte eine kurze Nacht, konnte jedoch erstaunlicherweise ein paar Stunden schlafen. Zum Frühstück gab es ein bisschen Toast und Tee. Ganz auf nüchternen Magen wollte ich mir die Chemo auch nicht antun, also befolgte ich den Rat der Ärztin ich solle „etwas Leichtes“ zum Frühstück zu mir nehmen.

Als seelische Unterstützung hatte ich meinen Freund und meine Mutter dabei. Wir fuhren los, ich saß im Auto hinten und sprach kaum ein Wort. Ich hatte Angst. Angst vor dem was kommt. Da wir über eine Stunde bis zur Klinik brauchten meldete sich mein Magen nach dem „leichten Frühstück“ wieder. Ich traute mich natürlich nicht etwas „Normales“ zu essen, aus Angst vor der Übelkeit und Erbrechen nach der Chemo. Also knabberte ich nur noch einen Zwieback im Wartezimmer. Dann wurde ich schon aufgerufen und es wurde mein Port angestochen und eine Kochsalzlösung zum Durchspülen gespritzt. Dann musste ich noch auf das Arztgespräch warten. Meine Nervosität ließ nicht nach sondern wurde immer größer.

Die Ärztin versicherte mir noch mal, dass ich vor der Chemo eine Infusion vorbeugend gegen Übelkeit bekomme (natürlich ein Medikament welches in der Schwangerschaft zugelassen ist) und ein Mittel gegen Allergien. Davon könnte ich heute Abend müde werden. Dann gab sie mir noch ein Rezept mit einem weiteren Mittel gegen Übelkeit. Das Gespräch mit der Ärztin ließ mich ein bisschen ruhiger werden. Dann musste ich mit meinem Zettel in den „Chemo-Raum“. Den hatte ich mir am Tag davor schon mal angesehen: Dort stehen ca. 20 gepolsterte Stühle, bei denen man Kopf- und Fußteil per Fernbedienung verstellen kann. Ich setzte mich auf einen Stuhl auf dem ich geradeaus aus dem Fenster schauen konnte. Ich schaute mich um und sah, dass ich mit großem Abstand die Jüngste dort war.

Dann ging es los: Zuerst bekam ich die „Vorspeise“, das ließ ich ganz locker über mich ergehen, aber als dann die eigentliche Chemotherapie angeschlossen wurde bekam ich auf einmal Herzklopfen, Atemnot und lief rot an. Die Schwester drehte die Infusion wieder zu und maß erstmal Blutdruck. Er war relativ hoch. Dann wurde die Ärztin angerufen und es wurde entschieden, dass ich zusätzlich noch eine Kochsalzlösung bekomme. Der Gedanke, dass ich die Chemo jetzt „verdünnt“ bekomme, ließ mich etwas ruhiger werden und ich ließ es ca. eine Stunde lang in mich hineinlaufen.  Meine Mutter und mein Freund waren die ganze Zeit bei mir und als wir endlich nach Hause fuhren, saß ich mit meiner Mutter hinten im Auto und sie hielt meine Hand.

Nun begann die Zeit der großen Ungewissheit. Was wird passieren? Wie geht es mir in den nächsten Stunden? Es war kein schönes Gefühl.

Ich aß nur eine dünne Nudelsuppe und ein trockenes Brötchen. Dann legte ich mich ins Bett und wartete darauf was passierte. Erstaunlicherweise passierte nichts. Am nächsten Morgen fühlte ich mich sogar relativ gut und konnte gar nicht glauben, dass ich am Tag zuvor eine Chemotherapie bekommen habe. Ich fragte mich ob es beim nächsten Mal schlimmer wird und meine Schwester meinte, dass es bestimmt von mal zu mal schlimmer werden wird. Kein schöner Gedanke.

Eine Chance

11. Februar 2010

Also standen wir am nächsten Morgen in aller Frühe auf und machten uns auf den Weg in das uns empfohlene Brustzentrum. Als wir um kurz nach acht dort ankamen, war das Wartezimmer schon relativ voll. Ich legte meinen Mutterpass und die Kopie des Befundes der Schwester bei der Anmeldung vor und schilderte kurz mein „Problem“. Ich war voller Hoffnung, nicht gleich wieder weggeschickt zu werden. Zum Glück wurden wir nicht wieder weggeschickt, sie wollte kurz mit der Ärztin sprechen und wir sollten uns ins Wartezimmer setzen. Die Wartezeit kam mir endlos lange vor. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Einerseits konnte ich es noch immer nicht begreifen, dass ich so krank sein soll, andererseits dachte ich an mein Baby und wollte nicht wahrhaben, dass ich es hergeben soll. Ich hoffte so sehr, dass es eine Möglichkeit gibt, es zu behalten. Mir knurrte der Magen, durch meine Schwangerschaft hatte ich ja ständig Hunger, mir kam es absurd vor in diesem Moment an Essen zu denken, aber es ging nicht anders; ich musste eine Kleinigkeit essen.
Nach ca. anderthalb Stunden wurden wir endlich aufgerufen. Die Ärztin war sehr nett, wir erzählten ihr von meinen Befund und von der Schwangerschaft.
Daraufhin berichtete sie, dass in dem Brustzentrum schon 2 Patientinnen behandelt wurden, die in der gleichen Situation steckten und bei denen eine Chemotherapie während der Schwangerschaft durchgeführt wurde. Eine Patientin hat sie betreut, bei der war das Baby gesund. Das gab mir auf jeden Fall erstmal Hoffnung.
Die Ärztin sah sich meinen Befund an und war bereit, mich so schnell wie möglich zu behandeln. Sie schlug vor, den ausstehenden Befund (es fehlten noch einige Werte) abzuwarten und dann sofort mit der Behandlung zu beginnen: Zuerst noch einige Untersuchungen, ob weitere Organe befallen sind und dann die Operation und anschließend Chemotherapie und dann die Entbindung. Es ist eine Therapie mit Kind möglich, ich soll mir überlegen, wie ich es möchte. Wir vereinbarten, dass wir uns am kommenden Montag bei ihr melden, weil wir noch eine weitere Klinik aufsuchen wollten und uns noch ein bisschen Bedenkzeit übers Wochenende geben wollten. Sie war damit einverstanden und zeigte uns noch einige Behandlungsräume. Wir blickten auch kurz in den „Chemo-Raum“. Dort sah es sehr gemütlich aus: große gemütliche verstellbare Fernsehsessel in denen einige Frauen saßen und ihre „Dosis“ bekamen. Die Frauen unterhielten sich und lachten. Der Raum hat mir sehr gefallen, man hätte nicht gedacht, dass dort eine Chemotherapie stattfindet.
Zum Schluss meinte die Ärztin, dass ich schon die richtige Entscheidung treffen werde, ich soll es mir aber gut überlegen, es kann schließlich auch sein, dass das Kind dann ohne Mutter aufwächst… Als ich das hörte dachte ich mir: „Oh Gott, es kann wirklich sein das ich sterbe, das glaube ich nicht und das will ich auch noch nicht“. Ich schob den Gedanken vom Tod schnell beiseite und war mir sicher, dass ich das irgendwie schaffen werde. Ich wusste zwar noch nicht wie, aber ich werde es schaffen.
Als wir auf dem Weg zu der nächsten Klinik waren (durch Vitamin B hatten wir dort bereits einen Termin beim Chefarzt höchstpersönlich) rief ich meine Eltern an. Ich berichtete von dem Arztgespräch und meine Mutter war erstmal froh zu hören, dass es eine Möglichkeit gibt, mich auch mit dem Baby zu behandeln. Sie fragte mich, ob ich mich denn schon entschieden habe, ich sagte „ja, ich will das Baby behalten, wenn es die Möglichkeit gibt, dann will ich es mit dem Baby schaffen.“ Sofort liefen mir wieder die Tränen und ich musste das Gespräch beenden.
In der Klinik angekommen, mussten wir nur kurz warten. Dann wurden wir aufgerufen und wir sprachen mit dem Chefarzt, einer weiteren Ärztin und der Brustkrankenschwester (breast nurse). Die erste Aussage von dem Chefarzt war, dass er eine ganze Bildergalerie mit Kindern hat, die „unter diesen Umständen“ zur Welt kamen. Sofort viel mir ein Stein vom Herzen. Innerlich wusste ich schon, dass ich mich in dieser Klinik behandeln werden lasse, obwohl es hier wohl kaum so ein gemütliches Flair wie in dem Brustzentrum geben wird.
Dann schaute er sich meine Brust an, er tastete den Knoten und auch meine Achselhöhlen ab. Dass Lymphknoten befallen waren, konnte er erstmal nicht erkennen. Er erklärte mir den vorgesehenen Therapieplan: erst Chemo, dann Entbindung, dann OP + Bestrahlung. Die noch ausstehenden Werte des Tumors machen es abhängig, ob noch eine Antikörpertherapie oder Hormontherapie im Anschluss notwendig ist. Ich wunderte mich, dass nicht –so wie im Brustzentrum- zuerst operiert werden soll. Der Chefarzt erklärte uns, dass man so besser erkennen kann, ob die Chemotherapie wirkt, wenn der Tumor noch da ist, also ob er kleiner wird. „Das klingt plausibel“, dachte ich mir. Da ich bereits in der 15. SSW war (also nach dem dritten Monat) kann auch sofort mit der Chemo begonnen werden, da alle wichtigen Organe des Kindes bereits angelegt sind. Wäre ich noch im ersten Drittel der Schwangerschaft, wäre eine Chemotherapie nicht möglich, da das Risiko zu groß wäre, das Kind zu schädigen.
Im Anschluss führten wir noch ein Gespräch mit der Brustkrankenschwester alleine. Sie klärte uns über die Nebenwirkungen der Chemotherapie auf: Alle Zellen die sich schnell teilen werden angegriffen, also Schleimhäute, Haare… das bedeutet: Übelkeit, Haarausfall… Also das, woran man sofort denkt wenn man das Wort Chemotherapie hört… Ich war alles andere als begeistert aber ich wollte noch nicht weiter drüber nachdenken.
Wir vereinbarten, dass wir uns übers Wochenende überlegen, ob ich mich in dieser Klinik behandeln lasse und das wir uns am Montag früh bei ihr melden.
Sie meinte, Ja wir können das Wochenende noch dafür nutzen uns es zu überlegen, aber viel länger sollte nicht mehr gewartet werden. Die Behandlung sollte dann schnellstens beginnen.