Archiv für das Tag 'Brustzentrum'

Eine Chance

Sandy 11. Februar 2010

Also standen wir am nächsten Morgen in aller Frühe auf und machten uns auf den Weg in das uns empfohlene Brustzentrum. Als wir um kurz nach acht dort ankamen, war das Wartezimmer schon relativ voll. Ich legte meinen Mutterpass und die Kopie des Befundes der Schwester bei der Anmeldung vor und schilderte kurz mein „Problem“. Ich war voller Hoffnung, nicht gleich wieder weggeschickt zu werden. Zum Glück wurden wir nicht wieder weggeschickt, sie wollte kurz mit der Ärztin sprechen und wir sollten uns ins Wartezimmer setzen. Die Wartezeit kam mir endlos lange vor. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Einerseits konnte ich es noch immer nicht begreifen, dass ich so krank sein soll, andererseits dachte ich an mein Baby und wollte nicht wahrhaben, dass ich es hergeben soll. Ich hoffte so sehr, dass es eine Möglichkeit gibt, es zu behalten. Mir knurrte der Magen, durch meine Schwangerschaft hatte ich ja ständig Hunger, mir kam es absurd vor in diesem Moment an Essen zu denken, aber es ging nicht anders; ich musste eine Kleinigkeit essen.
Nach ca. anderthalb Stunden wurden wir endlich aufgerufen. Die Ärztin war sehr nett, wir erzählten ihr von meinen Befund und von der Schwangerschaft.
Daraufhin berichtete sie, dass in dem Brustzentrum schon 2 Patientinnen behandelt wurden, die in der gleichen Situation steckten und bei denen eine Chemotherapie während der Schwangerschaft durchgeführt wurde. Eine Patientin hat sie betreut, bei der war das Baby gesund. Das gab mir auf jeden Fall erstmal Hoffnung.
Die Ärztin sah sich meinen Befund an und war bereit, mich so schnell wie möglich zu behandeln. Sie schlug vor, den ausstehenden Befund (es fehlten noch einige Werte) abzuwarten und dann sofort mit der Behandlung zu beginnen: Zuerst noch einige Untersuchungen, ob weitere Organe befallen sind und dann die Operation und anschließend Chemotherapie und dann die Entbindung. Es ist eine Therapie mit Kind möglich, ich soll mir überlegen, wie ich es möchte. Wir vereinbarten, dass wir uns am kommenden Montag bei ihr melden, weil wir noch eine weitere Klinik aufsuchen wollten und uns noch ein bisschen Bedenkzeit übers Wochenende geben wollten. Sie war damit einverstanden und zeigte uns noch einige Behandlungsräume. Wir blickten auch kurz in den „Chemo-Raum“. Dort sah es sehr gemütlich aus: große gemütliche verstellbare Fernsehsessel in denen einige Frauen saßen und ihre „Dosis“ bekamen. Die Frauen unterhielten sich und lachten. Der Raum hat mir sehr gefallen, man hätte nicht gedacht, dass dort eine Chemotherapie stattfindet.
Zum Schluss meinte die Ärztin, dass ich schon die richtige Entscheidung treffen werde, ich soll es mir aber gut überlegen, es kann schließlich auch sein, dass das Kind dann ohne Mutter aufwächst… Als ich das hörte dachte ich mir: „Oh Gott, es kann wirklich sein das ich sterbe, das glaube ich nicht und das will ich auch noch nicht“. Ich schob den Gedanken vom Tod schnell beiseite und war mir sicher, dass ich das irgendwie schaffen werde. Ich wusste zwar noch nicht wie, aber ich werde es schaffen.
Als wir auf dem Weg zu der nächsten Klinik waren (durch Vitamin B hatten wir dort bereits einen Termin beim Chefarzt höchstpersönlich) rief ich meine Eltern an. Ich berichtete von dem Arztgespräch und meine Mutter war erstmal froh zu hören, dass es eine Möglichkeit gibt, mich auch mit dem Baby zu behandeln. Sie fragte mich, ob ich mich denn schon entschieden habe, ich sagte „ja, ich will das Baby behalten, wenn es die Möglichkeit gibt, dann will ich es mit dem Baby schaffen.“ Sofort liefen mir wieder die Tränen und ich musste das Gespräch beenden.
In der Klinik angekommen, mussten wir nur kurz warten. Dann wurden wir aufgerufen und wir sprachen mit dem Chefarzt, einer weiteren Ärztin und der Brustkrankenschwester (breast nurse). Die erste Aussage von dem Chefarzt war, dass er eine ganze Bildergalerie mit Kindern hat, die „unter diesen Umständen“ zur Welt kamen. Sofort viel mir ein Stein vom Herzen. Innerlich wusste ich schon, dass ich mich in dieser Klinik behandeln werden lasse, obwohl es hier wohl kaum so ein gemütliches Flair wie in dem Brustzentrum geben wird.
Dann schaute er sich meine Brust an, er tastete den Knoten und auch meine Achselhöhlen ab. Dass Lymphknoten befallen waren, konnte er erstmal nicht erkennen. Er erklärte mir den vorgesehenen Therapieplan: erst Chemo, dann Entbindung, dann OP + Bestrahlung. Die noch ausstehenden Werte des Tumors machen es abhängig, ob noch eine Antikörpertherapie oder Hormontherapie im Anschluss notwendig ist. Ich wunderte mich, dass nicht –so wie im Brustzentrum- zuerst operiert werden soll. Der Chefarzt erklärte uns, dass man so besser erkennen kann, ob die Chemotherapie wirkt, wenn der Tumor noch da ist, also ob er kleiner wird. „Das klingt plausibel“, dachte ich mir. Da ich bereits in der 15. SSW war (also nach dem dritten Monat) kann auch sofort mit der Chemo begonnen werden, da alle wichtigen Organe des Kindes bereits angelegt sind. Wäre ich noch im ersten Drittel der Schwangerschaft, wäre eine Chemotherapie nicht möglich, da das Risiko zu groß wäre, das Kind zu schädigen.
Im Anschluss führten wir noch ein Gespräch mit der Brustkrankenschwester alleine. Sie klärte uns über die Nebenwirkungen der Chemotherapie auf: Alle Zellen die sich schnell teilen werden angegriffen, also Schleimhäute, Haare… das bedeutet: Übelkeit, Haarausfall… Also das, woran man sofort denkt wenn man das Wort Chemotherapie hört… Ich war alles andere als begeistert aber ich wollte noch nicht weiter drüber nachdenken.
Wir vereinbarten, dass wir uns übers Wochenende überlegen, ob ich mich in dieser Klinik behandeln lasse und das wir uns am Montag früh bei ihr melden.
Sie meinte, Ja wir können das Wochenende noch dafür nutzen uns es zu überlegen, aber viel länger sollte nicht mehr gewartet werden. Die Behandlung sollte dann schnellstens beginnen.

Der Tag an dem sich mein Leben komplett veränderte

Sandy 4. November 2009

Das Einzige was mich am Tag nach der Biopsie störte war der Druckverband. Ich fühlte mich eingeengt und konnte mich nur eingeschränkt bewegen. Dennoch fuhr ich an diesem Donnerstag, 9.7.2009 wieder ganz normal zur Arbeit.
Ich hatte ja am Nachmittag meine dritte Schwangerenberatung, auf die ich mich schon freute. Mit einer Nachricht aus dem Krankenhaus rechnete ich eigentlich noch nicht, da es hieß, es könne auch bis Montag dauern, ehe das Ergebnis da ist.
Als mich mein Freund im laufe des Vormittages anrief, teilte er mir mit, dass sich die Ärztin gemeldet hat, das Ergebnis wäre da, sie könne jedoch am Telefon keine Auskunft geben. Ich war verunsichert, dachte mir, die rufen mich an und sagen mir sofort was los ist, es hat keiner erwähnt, dass ich dann noch mal ins Krankenhaus muss. Ich versuchte mich zu beruhigen, weil es hieß, sie geben generell keine Auskunft am Telefon.
Mein Freund hatte vereinbart, dass wir nach dem Termin bei meiner Frauenärztin ins Krankenhaus kommen. Ich hatte irgendwie ein ungutes Gefühl und rief selber noch mal im Krankenhaus an. Jedoch gab man mir auch keine Auskunft. Ich fragte, ob es besser wäre sofort zu kommen, aber ich wollte meinen Termin bei meiner Frauenärztin auch nicht verpassen. Das konnte mir die Krankenschwester nicht versprechen, ob ich es dann noch schaffe meinen Termin wahrzunehmen, wenn ich ihn nicht absagen will, soll ich lieber hinterher kommen. Natürlich wollte ich den Termin nicht absagen, ich wollte ja mein Baby sehen. Also beschloss ich zunächst zu meiner Frauenärztin zu fahren. Dennoch war ich jetzt ziemlich verunsichert, warum sie mir am Telefon nichts sagen wollen, konnte mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass es was Schlimmes zu bedeuten hat.

So traf ich mich wieder mit meinem Freund bei meiner Frauenärztin. Diesmal ging ich gleich zur Schwangerenberatung, die die Schwester durchführte, rein. Es wurde noch mal Blut abgenommen, wegen des Zeckenbisses, das vorherige Ergebnis war in Ordnung. Auch das Ergebnis der Risikoabschätzung von der Nackenfaltenmessung lag vor (daran hatte ich gar nicht mehr gedacht). Es bestand ein Risiko von 1: irgendwas (ich hatte mir den Wert nicht gemerkt, da es wirklich so ein geringes Risiko war). Diese beiden Sachen waren also in Ordnung, blieb nur noch die Ungewissheit wegen der Biopsie. Ich teilte der Schwester mit, dass mir das Krankenhaus am Telefon keine Auskunft geben will und sie meinte ich soll mit Frau Dr. sprechen, vielleicht kann sie da mal anrufen.
Dann wurde ich noch darauf hingewiesen, dass ich mich bald um einen Termin für die bevorstehende Feindiagnostik, die meine Frauenärztin selbst nicht durchführt, kümmern sollte. Die Praxis kann ich mir selber aussuchen.
Dann setzte ich mich wieder ins Wartezimmer und mein Freund und ich wunderten uns, warum einige Patientinnen vor mir zur Untersuchung aufgerufen wurden, obwohl sie nach mir gekommen sind. Als ich endlich aufgerufen wurde, stellte sich heraus, dass die Ärztin mich nicht vergessen hatte, sondern die ganze Zeit probiert hatte das Krankenhaus zu erreichen. In dem Moment, als wir hereinkamen, klingelte gerade das Telefon der Ärztin und es war das Krankenhaus…. Wir lauschten dem Gespräch und irgendwas war komisch… Meine Ärztin wurde relativ ruhig, bekam einen merkwürdigen Gesichtsausdruck und schaute nur nach unten…. Irgendwas stimmt da nicht, dachte ich mir… Was soll denn da sein, fragte ich mich und mein Freund und ich sahen uns fragend an. Das Gespräch schien nicht enden zu wollen, aber man konnte anhand der Worte meiner Ärztin nicht raushören, was derjenige am anderen Ende sagte. Ich wurde langsam ungeduldig und unruhig… Zum Schluss hörte ich nur „Also soll sie am Montag mit gepackter Tasche ins Krankenhaus kommen…?“ und ich sah meinen Freund entsetzt an und fragte mich was das zu bedeuten hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich schwer krank sein soll und dachte mir vielleicht muss das Fibroadenom sofort entfernt werden…. In diesen letzten Sekunden, bevor meine Ärztin den Hörer auflegte, überschlugen sich meine Gedanken aber ich dachte immer noch nicht an Krebs, sondern irgendwas anderes halt, es kann doch soo vieles sein. Es kann doch immer so vieles sein…. Als das Gespräch beendet war, sah mich meine Ärztin fassungslos an. Ich wusste, dass es auf jeden Fall etwas Schlechtes zu bedeuten hat. „Es ist ein Karzinom.“, sagte sie. Ich kannte diesen Ausdruck noch gar nicht, aber ich wusste sofort was es bedeutete: Es ist bösartig. Es ist Krebs. „Oh nein, das kann doch nicht sein, nicht ich“, dachte ich mir, ich konnte es wirklich nicht glauben. Ich war entsetzt und bekam erstmal kein Wort raus… Die Ärztin zeigte tiefstes Mitgefühl und für Sekunden oder Minuten herrschten nur Schweigen und Fassungslosigkeit. Ich sah zu meinem Freund rüber und er sah sehr blass aus. Aber dann fragte ich: „Wie geht es jetzt weiter?“. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie gelang es mir Ruhe zu bewahren und nicht in Tränen auszubrechen, ich wollte unbedingt wissen, was mit mir weiter geschieht, es gibt doch immer einen Weg… Sie schilderte kurz das, was die Ärztin aus dem Krankenhaus gesagt hat. Ich soll mich am Montag stationär aufnehmen lassen, weil noch weitere Untersuchungen stattfinden müssen. Genaues kann jetzt noch nicht gesagt werden. „Und was ist mit meinem Kind?“, fragte ich als nächstes. Anstatt einer konkreten Antwort bekam ich nur traurige Blicke von meiner Frauenärztin und die Aussage es hängt davon ab was die weiteren Untersuchungen ergeben und welche Therapie für mich in Frage kommt. Ich konnte das alles noch gar nicht begreifen und machte mir in dem Moment Sorgen um meinen Freund. Er wurde immer blasser und Schweiß brach auf seiner Stirn aus. Die Ärztin fragte ihn, ob er sich hinlegen will, aber er lehnte ab. Er war so schockiert und sah wirklich schlecht aus. Ich gab ihm meine Wasserflasche und er trank in kleinen Schlucken. Wir saßen noch eine Weile bei meiner Ärztin aber ich wusste nicht wirklich etwas zu sagen. Ich konnte es in dem Moment einfach nicht begreifen. Eigentlich war ich ja zur Ultraschalluntersuchung da aber die wurde dann nicht mehr durchgeführt. Ich wusste ja nicht wie es weiter geht und dachte mir es wäre besser, wenn ich das Baby jetzt nicht noch mal sehe…. Obwohl ich darüber sehr traurig war, ich wollte ja wissen, ob es ihm gut geht. Aber spielte das jetzt noch eine Rolle? Ich wusste es nicht.. Dann fragte ich ob wir jetzt noch mal in das Krankenhaus zu der Ärztin müssen. Wenn wir wollen, können wir noch hin fahren, aber es ist nicht unbedingt notwendig. Ich fragte, ob sie mir für den nächsten Tag eine Krankschreibung ausstellen kann, ab Montag gilt ja dann der stationäre Aufenthalt als Krankschreibung. Hätte ich nicht noch mal auf meinen Druckverband hingewiesen, hätte das meine Ärztin wohl glatt vergessen. Sie war genauso schockiert. Also nahm sie ihn mir ab und es war in dem Moment ein angenehmes Gefühl „wieder frei zu sein“ aber es schien in der Situation als völlig banal.
Mein Freund hatte dann auch wieder etwas Farbe bekommen und wir verließen mit traurigen, entsetzten Gesichtern die Praxis.
Als wir wieder draußen waren beschloss ich meine Eltern anzurufen (sie waren mit meiner Schwester in Dänemark und wir hatten abgemacht, dass ich mich melde wenn irgendwas ist). Natürlich konnten sie es auch nicht so schnell begreifen, waren sprachlos. Ich meinte, dass wir jetzt erstmal nach Hause fahren. Ich wollte unbedingt nach Hause. Dass mein Freund und ich in getrennten Autos fahren mussten machte die Sache nicht einfacher. Also fuhren wir hintereinander nach Hause. In meinem Kopf kreisten sich die Gedanken. Ich hatte es immer noch nicht realisiert. Es war so unvorstellbar.
Plötzlich dachte ich an die andere „Sieben-Uhr-Patientin“ und war davon überzeugt, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss. Wie kann ICH in so jungen Jahren an Krebs erkranken, das wäre doch bei der anderen Frau (die war zwischen 40 und 50) viel wahrscheinlicher?? Ich klammerte mich an den Gedanken fest und hatte wieder ein Fünkchen Hoffnung. Zudem kommt ja, dass mein Blutergebnis (mir wurde beim zweiten Mammasono Blut abgenommen) völlig in Ordnung war. Es kann also einfach nicht möglich sein. Zuhause angekommen, ließen wir uns auf unserem Sofa fallen und stellten fest, dass wir rein gar nichts wussten, außer der Tatsache, dass ich Brustkrebs habe. Es war Donnerstag und ich konnte mir nicht vorstellen, es bis Montag mit dieser Ungewissheit, wie es weiter gehen soll, auszuhalten. Also rief ich noch mal im Krankenhaus an. Ich sprach mit einer anderen Ärztin und trug meine Bedenken bezüglich der Verwechselung und des Blutergebnisses vor. Sie meinte, man könnte Krebs nicht unbedingt anhand des Blutbildes erkennen und das mit der Verwechselung kann natürlich nicht sein. Sie kann ja verstehen, dass ich verzweifelt bin, wenn wir wollen, können wir gerne heute noch vorbeikommen und mit der zuständigen Ärztin sprechen.
Wir sind ja nun gerade wieder zu Hause angekommen und ich war ziemlich fertig, aber wir beschlossen dann doch noch mal ins Krankenhaus zu fahren, einfach um irgendwas zu tun und nicht nur sinnlos rum zu sitzen. Wir mussten nicht lange warten, dann rief uns die Ärztin (die auch die Biopsie durchgeführt hat) auf. Sie konfrontierte uns gleich mit der grausamen Wahrheit: Ich bin ihre erste Patientin, die während der Schwangerschaft an Brustkrebs erkrankt ist. Es ist ein aggressiver Tumor, der mit einer Chemotherapie behandelt werden muss. Die weitere Behandlung ist von den noch fehlenden Untersuchungsergebnissen abhängig (evt. noch 5 Jahre lang Hormontherapie oder eine Antikörpertherapie). Da sie keinerlei Erfahrungen mit der Behandlung von Schwangeren haben, würde sie übers Wochenende noch mal im Internet recherchieren, ob es eine Möglichkeit gibt und morgen noch mal mit einem größeren Krankenhaus darüber sprechen. Aber es wurde deutlich, dass es für das Kind wohl keine Chance gibt. Ich konnte und wollte es einfach nicht glauben und sah meinem Freund an, dass er ebenso total entsetzt war und kaum seine Tränen zurückhalten konnte. Trotzdem schaffte ich es irgendwie ruhig und sachlich zu bleiben und drängte darauf zu erfahren wie die nächsten Schritte im Einzelnen aussehen würden. Ich wollte alles ganz genau wissen, um mich irgendwie darauf einzustellen oder damit klar zu kommen. Ich wusste, dass es nichts bringen würde jetzt die Nerven zu verlieren und versuchte mich darauf zu konzentrieren der Ärztin genau zuzuhören. Ich sollte mich also am Montag mit gepackter Tasche für eine Nacht stationär aufnehmen lassen. Es müssen Untersuchungen durchgeführt werden, um herauszufinden ob bereits weitere Organe befallen sind (Ultraschall/Röntgen der Lunge, Leber, Herz usw. und Knochenszintigramm) Da eine Untersuchung nüchtern durchgeführt werden muss, ist es notwendig über Nacht da zubleiben und dann könnte ich Dienstag nach Hause und müsste Mittwoch noch zur letzten Untersuchung erscheinen. Der Gedanke daran, im Krankenhaus zu übernachten war für mich sehr erschreckend. Nach all den Untersuchungen soll dann die „Abtreibung“ (es werden Wehen ausgelöst und ich soll das nicht überlebensfähige Kind gebären) durchgeführt werden und anschließend mit der Chemotherapie begonnen werden. Ich stellte mir sofort die Frage wie ich das schaffen soll, erst soll ich mein Kind hergeben und dann eine Chemotherapie machen…. Mein Freund war genauso geschockt und brachte kaum ein Wort raus, weil aufsteigende Tränen seine Stimme erstickten. Ich wusste nicht was ich denken sollte, konnte es alles gar nicht begreifen und wollte so schnell wie möglich wieder nach Hause. Die Ärztin war auch sehr betroffen und zeigte tiefes Mitgefühl, sie machte den Vorschlag, dass ich schon morgen den Psychologen des Brustzentrums aufsuchen könnte. Aber ich lehnte ab, ich wollte es erstmal selber irgendwie verarbeiten. Dann ließen wir uns noch den Befund kopieren und die Ärztin gab uns noch ein Schlafmittel für die Nacht mit. Ich soll eine halbe Tablette einnehmen und die andere Hälfte meinem Freund geben. Ich weiß noch wie ich aus Trotz sagte: „Auf mein Kind brauch ich wohl keine Rücksicht mehr nehmen“ da meinte die Ärztin, dass die Schlaftabletten auch während der Schwangerschaft genommen werden können. Also fuhren wir wieder nach Hause und ich rief noch mal meine Eltern an um von dem Arztgespräch zu berichten. Dafür, dass wir bis vor ungefähr einer Stunde „nur“ wussten, dass ich Brustkrebs habe, wussten wir jetzt auch, dass wir unser Baby verlieren werden. Es war so unvorstellbar, dass man es kaum in Worte fassen kann. Zuhause angekommen, riefen meine Eltern noch mal zurück. Sie brachten mich auf eine Idee, auf die ich noch nicht gekommen bin und wahrscheinlich auch nicht gekommen wäre. Wir sollen das nicht einfach so hinnehmen und uns noch eine zweite Meinung einholen. Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben um eventuell das Baby zu retten. Der Gedanke daran, gab mir wieder ein bisschen Kraft und Hoffnung. Ich ging wieder raus zu meinem Freund und sah, dass er total zusammengekauert auf einem Stuhl unter der Laube saß. Ich setzte mich auf seinen Schoss und es kamen mir zum ersten Mal die Tränen. Wir weinten um mich und um unser gemeinsames Baby. Ich erzählte ihm von dem Gespräch mit meinen Eltern und meinte, dass ich kämpfen würde, für ihn und unser Baby, aber nur für mich allein würde ich es nicht schaffen. Dann wollte ich so schnell wie möglich nach einer Alternative suchen und machte sofort meinen Laptop an. Mein Freund wollte erstmal mit seiner Familie telefonieren. Ich recherchierte im Internet und das was ich auf Anhieb las, war auf jeden Fall positiv und ließ mich wieder ein bisschen hoffen. Ich fand mehrere Artikel, in denen etwas über Krebs in der Schwangerschaft berichtet wurde und es hieß, dass heutzutage eine Behandlung während der Schwangerschaft möglich sei. Das hätte ich überhaupt nicht gedacht, zumal die Ärztin im Krankenhaus nicht so klang, das es da eine Möglichkeit gibt. Ich schöpfte wieder ein bisschen Kraft und teilte es gleich meinem Freund mit. Auch er hat im Internet recherchiert und mit seinen Eltern und seiner Schwester gesprochen. Seine Schwester wollte gleich morgen versuchen einen Termin in einer größeren Klinik (mit dieser arbeitet die Firma zusammen, in der sie arbeitet) zu vereinbaren. Und seine Eltern machten sich auf den Weg zu uns, um uns weitere Kliniken aufzuzeigen, von denen sie über eine befreundete ehemalige Ärztin wussten, dass dort eventuell eine bessere Behandlung möglich wäre.
Als seine Eltern wieder weg waren, rief ich noch mal meine Eltern in Dänemark an um ihnen mitzuteilen, dass wir morgen früh in einer anderen Klinik anrufen werden um dort mein „Problem“ vorzusprechen. Meine Mutter meinte, dass wir doch gleich persönlich hinfahren sollen und war sehr erleichtert, dass wir versuchen einen anderen Weg zu finden. Obwohl es schon fast Mitternacht war und wir am Ende unserer Kräfte waren, beschlossen wir, den Wecker für morgen früh um sechs zu stellen um uns dann auf den Weg in die Klinik zu machen. Obwohl wir überhaupt keinen Hunger hatten zwangen wir uns dazu eine Kleinigkeit zu essen und fielen dann vollkommen erschöpft in einen unruhigen, kurzen Schlaf.

Biopsie

Sandy 27. Oktober 2009

Am Tag der Biopsie war ich natürlich extrem aufgeregt. Mein Freund begleitete mich ins Krankenhaus. Wir mussten sehr früh aufstehen, weil ich ja um sieben Uhr bei der ersten Anmeldung sein sollte. Ich wusste aber, dass es dort immer sehr voll war und wollte schon vor sieben Uhr da sein.
Am Abend zuvor hatten wir extra spät Abendbrot gegessen und es gab einen Tortellini-Auflauf, weil ich mir dachte, der sättigt gut und hält am nächsten Morgen vielleicht noch ein bisschen an.
Also waren wir ca. dreiviertel sieben im Krankenhaus und es saß dort bereits ein anderes Pärchen bei der Anmeldung. Bis um sieben Uhr füllte sich der Wartebereich sehr schnell und ich dachte mir gut dass wir schon früher da waren. Um Punkt sieben Uhr wurde die Erste aufgerufen. Da es wohl ein stationärer Aufenthalt war dauerte es sehr lange… Ich wurde schon langsam ungeduldig… Dann wurde noch eine zweite Anmeldung aufgemacht, die jedoch zunächst bestimmte Patienten namentlich aufrief. Da aber nicht alle von denen anwesend waren, war ich dann doch bald dran. Ich sah noch eine andere Frau mittleren Alters im Wartebereich, die den gleichen Zettel zur Aufklärung der Biopsie in den Händen hielt und wusste, dass sie die andere „Sieben-Uhr-Patientin“ ist.
Jedenfalls wurde ich dann angemeldet, dann musste ich in das Brustzentrum auf die Station, wo ich mich dann noch mal bei einer Schwester anmelden musste. Da wurde dann noch Blutdruck und Fieber gemessen. Nun hieß es, auf die Ärztin zu warten. Das bedeutete wirklich warten, warten und noch mal warten. Mittlerweile war auch schon die andere Patientin da und es war klar, dass ich nicht unbedingt vor sieben Uhr da sein hätte müssen. Naja, so langsam fing mir an, der Magen zu knurren, aber Gott sei dank wurde mir noch nicht flau oder schlecht. Ich ging im Gang auf und ab um mich abzulenken und eine Krankenschwester erkundigte sich wo denn die Ärzte bleiben. Die sind noch bei der Visite, wenn ich wollte könnte ich aber einen Schluck Wasser trinken und ein Stück Traubenzucker essen. Das tat ich dann auch und dann kam auch endlich das „Ärzteteam“. Es bestand aus den beiden Ärztinnen, die mich bereits untersucht hatten. Dann ging alles relativ schnell, ich ging ins Behandlungszimmer, musste mich hinlegen, dann wurde die Stelle an meiner Brust örtlich betäubt. Dennoch tat es höllisch weh, es wurden insgesamt drei Gewebeproben entnommen und jedes Mal gab es einen lauten Knall verbunden mit einem unangenehmen Schmerz. Währenddessen meinte eine der Ärztinnen, dass die Proben so aussehen, wie sie bereits bei den Untersuchungen schon feststellten, also dass es nichts Bösartiges ist. Ich wunderte mich nur, dass man das schon anhand der Proben erkennen kann.
Jedenfalls bekam ich dann einen Druckverband, der 24 Stunden dranbleiben musste, da ich am darauf folgenden Tag einen Termin bei meiner Frauenärztin hatte, sollte sie ihn dann abmachen.
Ich musste dann noch auf den Arztbrief warten und konnte endlich etwas essen. Ich hatte mir Tee und Nutellabrote mitgenommen. Dann warf die Krankenschwester noch einen kurzen Blick auf den Verband, gab mir den Brief für meine Frauenärztin und wir konnten endlich nach Hause fahren.
Ich war erleichtert, dass ich die Zeit ohne Essen so gut überstanden hatte und war sehr zuversichtlich, dass ich bald Bescheid weiß, dass alles in Ordnung ist und ich endlich anfangen kann meine Schwangerschaft zu genießen.

Fibroadenom

Sandy 4. Oktober 2009

Der Termin zur Mammasonographie war in der darauf folgenden Woche. Da meine Frauenärztin nicht wirklich besorgt über die Stelle in meiner Brust war, fuhr ich relativ entspannt dorthin.
Die Untersuchung fand in einem Brustzentrum in dem nächstgelegenen Krankenhaus statt. Zunächst tastete die Ärztin die Stelle und machte dann den Ultraschall, sie meinte, dass man sofort erkennt, dass ich schwanger bin, weil mein Brustgewebe verändert ist.
Ich sah den dunklen Fleck auf dem Monitor, er wurde ausgemessen und laut Aussage der Ärztin brauche ich mir keine Sorgen machen, es sieht nicht wie etwas Bösartiges aus, da es wohl keinen Schatten aufweist. Es ist sicherlich nur ein Fibroadenom, hieß es, das tritt in der Schwangerschaft sehr häufig auf. Da dieses Fibroadenom aber schnell wachsen kann, soll ich in vier Wochen noch mal zur Kontrolle kommen und wenn es denn größer geworden ist, wird routinemäßig eine Gewebeprobe entnommen.
Also vereinbarte ich einen Termin in vier Wochen und da die Aussagen der Ärztin für mich plausibel klangen, machte ich mir nicht wirklich Sorgen und fuhr wieder nach Hause.