Archiv für das Tag 'Befund'

Der Tag an dem sich mein Leben komplett veränderte

Sandy 4. November 2009

Das Einzige was mich am Tag nach der Biopsie störte war der Druckverband. Ich fühlte mich eingeengt und konnte mich nur eingeschränkt bewegen. Dennoch fuhr ich an diesem Donnerstag, 9.7.2009 wieder ganz normal zur Arbeit.
Ich hatte ja am Nachmittag meine dritte Schwangerenberatung, auf die ich mich schon freute. Mit einer Nachricht aus dem Krankenhaus rechnete ich eigentlich noch nicht, da es hieß, es könne auch bis Montag dauern, ehe das Ergebnis da ist.
Als mich mein Freund im laufe des Vormittages anrief, teilte er mir mit, dass sich die Ärztin gemeldet hat, das Ergebnis wäre da, sie könne jedoch am Telefon keine Auskunft geben. Ich war verunsichert, dachte mir, die rufen mich an und sagen mir sofort was los ist, es hat keiner erwähnt, dass ich dann noch mal ins Krankenhaus muss. Ich versuchte mich zu beruhigen, weil es hieß, sie geben generell keine Auskunft am Telefon.
Mein Freund hatte vereinbart, dass wir nach dem Termin bei meiner Frauenärztin ins Krankenhaus kommen. Ich hatte irgendwie ein ungutes Gefühl und rief selber noch mal im Krankenhaus an. Jedoch gab man mir auch keine Auskunft. Ich fragte, ob es besser wäre sofort zu kommen, aber ich wollte meinen Termin bei meiner Frauenärztin auch nicht verpassen. Das konnte mir die Krankenschwester nicht versprechen, ob ich es dann noch schaffe meinen Termin wahrzunehmen, wenn ich ihn nicht absagen will, soll ich lieber hinterher kommen. Natürlich wollte ich den Termin nicht absagen, ich wollte ja mein Baby sehen. Also beschloss ich zunächst zu meiner Frauenärztin zu fahren. Dennoch war ich jetzt ziemlich verunsichert, warum sie mir am Telefon nichts sagen wollen, konnte mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass es was Schlimmes zu bedeuten hat.

So traf ich mich wieder mit meinem Freund bei meiner Frauenärztin. Diesmal ging ich gleich zur Schwangerenberatung, die die Schwester durchführte, rein. Es wurde noch mal Blut abgenommen, wegen des Zeckenbisses, das vorherige Ergebnis war in Ordnung. Auch das Ergebnis der Risikoabschätzung von der Nackenfaltenmessung lag vor (daran hatte ich gar nicht mehr gedacht). Es bestand ein Risiko von 1: irgendwas (ich hatte mir den Wert nicht gemerkt, da es wirklich so ein geringes Risiko war). Diese beiden Sachen waren also in Ordnung, blieb nur noch die Ungewissheit wegen der Biopsie. Ich teilte der Schwester mit, dass mir das Krankenhaus am Telefon keine Auskunft geben will und sie meinte ich soll mit Frau Dr. sprechen, vielleicht kann sie da mal anrufen.
Dann wurde ich noch darauf hingewiesen, dass ich mich bald um einen Termin für die bevorstehende Feindiagnostik, die meine Frauenärztin selbst nicht durchführt, kümmern sollte. Die Praxis kann ich mir selber aussuchen.
Dann setzte ich mich wieder ins Wartezimmer und mein Freund und ich wunderten uns, warum einige Patientinnen vor mir zur Untersuchung aufgerufen wurden, obwohl sie nach mir gekommen sind. Als ich endlich aufgerufen wurde, stellte sich heraus, dass die Ärztin mich nicht vergessen hatte, sondern die ganze Zeit probiert hatte das Krankenhaus zu erreichen. In dem Moment, als wir hereinkamen, klingelte gerade das Telefon der Ärztin und es war das Krankenhaus…. Wir lauschten dem Gespräch und irgendwas war komisch… Meine Ärztin wurde relativ ruhig, bekam einen merkwürdigen Gesichtsausdruck und schaute nur nach unten…. Irgendwas stimmt da nicht, dachte ich mir… Was soll denn da sein, fragte ich mich und mein Freund und ich sahen uns fragend an. Das Gespräch schien nicht enden zu wollen, aber man konnte anhand der Worte meiner Ärztin nicht raushören, was derjenige am anderen Ende sagte. Ich wurde langsam ungeduldig und unruhig… Zum Schluss hörte ich nur „Also soll sie am Montag mit gepackter Tasche ins Krankenhaus kommen…?“ und ich sah meinen Freund entsetzt an und fragte mich was das zu bedeuten hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich schwer krank sein soll und dachte mir vielleicht muss das Fibroadenom sofort entfernt werden…. In diesen letzten Sekunden, bevor meine Ärztin den Hörer auflegte, überschlugen sich meine Gedanken aber ich dachte immer noch nicht an Krebs, sondern irgendwas anderes halt, es kann doch soo vieles sein. Es kann doch immer so vieles sein…. Als das Gespräch beendet war, sah mich meine Ärztin fassungslos an. Ich wusste, dass es auf jeden Fall etwas Schlechtes zu bedeuten hat. „Es ist ein Karzinom.“, sagte sie. Ich kannte diesen Ausdruck noch gar nicht, aber ich wusste sofort was es bedeutete: Es ist bösartig. Es ist Krebs. „Oh nein, das kann doch nicht sein, nicht ich“, dachte ich mir, ich konnte es wirklich nicht glauben. Ich war entsetzt und bekam erstmal kein Wort raus… Die Ärztin zeigte tiefstes Mitgefühl und für Sekunden oder Minuten herrschten nur Schweigen und Fassungslosigkeit. Ich sah zu meinem Freund rüber und er sah sehr blass aus. Aber dann fragte ich: „Wie geht es jetzt weiter?“. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie gelang es mir Ruhe zu bewahren und nicht in Tränen auszubrechen, ich wollte unbedingt wissen, was mit mir weiter geschieht, es gibt doch immer einen Weg… Sie schilderte kurz das, was die Ärztin aus dem Krankenhaus gesagt hat. Ich soll mich am Montag stationär aufnehmen lassen, weil noch weitere Untersuchungen stattfinden müssen. Genaues kann jetzt noch nicht gesagt werden. „Und was ist mit meinem Kind?“, fragte ich als nächstes. Anstatt einer konkreten Antwort bekam ich nur traurige Blicke von meiner Frauenärztin und die Aussage es hängt davon ab was die weiteren Untersuchungen ergeben und welche Therapie für mich in Frage kommt. Ich konnte das alles noch gar nicht begreifen und machte mir in dem Moment Sorgen um meinen Freund. Er wurde immer blasser und Schweiß brach auf seiner Stirn aus. Die Ärztin fragte ihn, ob er sich hinlegen will, aber er lehnte ab. Er war so schockiert und sah wirklich schlecht aus. Ich gab ihm meine Wasserflasche und er trank in kleinen Schlucken. Wir saßen noch eine Weile bei meiner Ärztin aber ich wusste nicht wirklich etwas zu sagen. Ich konnte es in dem Moment einfach nicht begreifen. Eigentlich war ich ja zur Ultraschalluntersuchung da aber die wurde dann nicht mehr durchgeführt. Ich wusste ja nicht wie es weiter geht und dachte mir es wäre besser, wenn ich das Baby jetzt nicht noch mal sehe…. Obwohl ich darüber sehr traurig war, ich wollte ja wissen, ob es ihm gut geht. Aber spielte das jetzt noch eine Rolle? Ich wusste es nicht.. Dann fragte ich ob wir jetzt noch mal in das Krankenhaus zu der Ärztin müssen. Wenn wir wollen, können wir noch hin fahren, aber es ist nicht unbedingt notwendig. Ich fragte, ob sie mir für den nächsten Tag eine Krankschreibung ausstellen kann, ab Montag gilt ja dann der stationäre Aufenthalt als Krankschreibung. Hätte ich nicht noch mal auf meinen Druckverband hingewiesen, hätte das meine Ärztin wohl glatt vergessen. Sie war genauso schockiert. Also nahm sie ihn mir ab und es war in dem Moment ein angenehmes Gefühl „wieder frei zu sein“ aber es schien in der Situation als völlig banal.
Mein Freund hatte dann auch wieder etwas Farbe bekommen und wir verließen mit traurigen, entsetzten Gesichtern die Praxis.
Als wir wieder draußen waren beschloss ich meine Eltern anzurufen (sie waren mit meiner Schwester in Dänemark und wir hatten abgemacht, dass ich mich melde wenn irgendwas ist). Natürlich konnten sie es auch nicht so schnell begreifen, waren sprachlos. Ich meinte, dass wir jetzt erstmal nach Hause fahren. Ich wollte unbedingt nach Hause. Dass mein Freund und ich in getrennten Autos fahren mussten machte die Sache nicht einfacher. Also fuhren wir hintereinander nach Hause. In meinem Kopf kreisten sich die Gedanken. Ich hatte es immer noch nicht realisiert. Es war so unvorstellbar.
Plötzlich dachte ich an die andere „Sieben-Uhr-Patientin“ und war davon überzeugt, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss. Wie kann ICH in so jungen Jahren an Krebs erkranken, das wäre doch bei der anderen Frau (die war zwischen 40 und 50) viel wahrscheinlicher?? Ich klammerte mich an den Gedanken fest und hatte wieder ein Fünkchen Hoffnung. Zudem kommt ja, dass mein Blutergebnis (mir wurde beim zweiten Mammasono Blut abgenommen) völlig in Ordnung war. Es kann also einfach nicht möglich sein. Zuhause angekommen, ließen wir uns auf unserem Sofa fallen und stellten fest, dass wir rein gar nichts wussten, außer der Tatsache, dass ich Brustkrebs habe. Es war Donnerstag und ich konnte mir nicht vorstellen, es bis Montag mit dieser Ungewissheit, wie es weiter gehen soll, auszuhalten. Also rief ich noch mal im Krankenhaus an. Ich sprach mit einer anderen Ärztin und trug meine Bedenken bezüglich der Verwechselung und des Blutergebnisses vor. Sie meinte, man könnte Krebs nicht unbedingt anhand des Blutbildes erkennen und das mit der Verwechselung kann natürlich nicht sein. Sie kann ja verstehen, dass ich verzweifelt bin, wenn wir wollen, können wir gerne heute noch vorbeikommen und mit der zuständigen Ärztin sprechen.
Wir sind ja nun gerade wieder zu Hause angekommen und ich war ziemlich fertig, aber wir beschlossen dann doch noch mal ins Krankenhaus zu fahren, einfach um irgendwas zu tun und nicht nur sinnlos rum zu sitzen. Wir mussten nicht lange warten, dann rief uns die Ärztin (die auch die Biopsie durchgeführt hat) auf. Sie konfrontierte uns gleich mit der grausamen Wahrheit: Ich bin ihre erste Patientin, die während der Schwangerschaft an Brustkrebs erkrankt ist. Es ist ein aggressiver Tumor, der mit einer Chemotherapie behandelt werden muss. Die weitere Behandlung ist von den noch fehlenden Untersuchungsergebnissen abhängig (evt. noch 5 Jahre lang Hormontherapie oder eine Antikörpertherapie). Da sie keinerlei Erfahrungen mit der Behandlung von Schwangeren haben, würde sie übers Wochenende noch mal im Internet recherchieren, ob es eine Möglichkeit gibt und morgen noch mal mit einem größeren Krankenhaus darüber sprechen. Aber es wurde deutlich, dass es für das Kind wohl keine Chance gibt. Ich konnte und wollte es einfach nicht glauben und sah meinem Freund an, dass er ebenso total entsetzt war und kaum seine Tränen zurückhalten konnte. Trotzdem schaffte ich es irgendwie ruhig und sachlich zu bleiben und drängte darauf zu erfahren wie die nächsten Schritte im Einzelnen aussehen würden. Ich wollte alles ganz genau wissen, um mich irgendwie darauf einzustellen oder damit klar zu kommen. Ich wusste, dass es nichts bringen würde jetzt die Nerven zu verlieren und versuchte mich darauf zu konzentrieren der Ärztin genau zuzuhören. Ich sollte mich also am Montag mit gepackter Tasche für eine Nacht stationär aufnehmen lassen. Es müssen Untersuchungen durchgeführt werden, um herauszufinden ob bereits weitere Organe befallen sind (Ultraschall/Röntgen der Lunge, Leber, Herz usw. und Knochenszintigramm) Da eine Untersuchung nüchtern durchgeführt werden muss, ist es notwendig über Nacht da zubleiben und dann könnte ich Dienstag nach Hause und müsste Mittwoch noch zur letzten Untersuchung erscheinen. Der Gedanke daran, im Krankenhaus zu übernachten war für mich sehr erschreckend. Nach all den Untersuchungen soll dann die „Abtreibung“ (es werden Wehen ausgelöst und ich soll das nicht überlebensfähige Kind gebären) durchgeführt werden und anschließend mit der Chemotherapie begonnen werden. Ich stellte mir sofort die Frage wie ich das schaffen soll, erst soll ich mein Kind hergeben und dann eine Chemotherapie machen…. Mein Freund war genauso geschockt und brachte kaum ein Wort raus, weil aufsteigende Tränen seine Stimme erstickten. Ich wusste nicht was ich denken sollte, konnte es alles gar nicht begreifen und wollte so schnell wie möglich wieder nach Hause. Die Ärztin war auch sehr betroffen und zeigte tiefes Mitgefühl, sie machte den Vorschlag, dass ich schon morgen den Psychologen des Brustzentrums aufsuchen könnte. Aber ich lehnte ab, ich wollte es erstmal selber irgendwie verarbeiten. Dann ließen wir uns noch den Befund kopieren und die Ärztin gab uns noch ein Schlafmittel für die Nacht mit. Ich soll eine halbe Tablette einnehmen und die andere Hälfte meinem Freund geben. Ich weiß noch wie ich aus Trotz sagte: „Auf mein Kind brauch ich wohl keine Rücksicht mehr nehmen“ da meinte die Ärztin, dass die Schlaftabletten auch während der Schwangerschaft genommen werden können. Also fuhren wir wieder nach Hause und ich rief noch mal meine Eltern an um von dem Arztgespräch zu berichten. Dafür, dass wir bis vor ungefähr einer Stunde „nur“ wussten, dass ich Brustkrebs habe, wussten wir jetzt auch, dass wir unser Baby verlieren werden. Es war so unvorstellbar, dass man es kaum in Worte fassen kann. Zuhause angekommen, riefen meine Eltern noch mal zurück. Sie brachten mich auf eine Idee, auf die ich noch nicht gekommen bin und wahrscheinlich auch nicht gekommen wäre. Wir sollen das nicht einfach so hinnehmen und uns noch eine zweite Meinung einholen. Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben um eventuell das Baby zu retten. Der Gedanke daran, gab mir wieder ein bisschen Kraft und Hoffnung. Ich ging wieder raus zu meinem Freund und sah, dass er total zusammengekauert auf einem Stuhl unter der Laube saß. Ich setzte mich auf seinen Schoss und es kamen mir zum ersten Mal die Tränen. Wir weinten um mich und um unser gemeinsames Baby. Ich erzählte ihm von dem Gespräch mit meinen Eltern und meinte, dass ich kämpfen würde, für ihn und unser Baby, aber nur für mich allein würde ich es nicht schaffen. Dann wollte ich so schnell wie möglich nach einer Alternative suchen und machte sofort meinen Laptop an. Mein Freund wollte erstmal mit seiner Familie telefonieren. Ich recherchierte im Internet und das was ich auf Anhieb las, war auf jeden Fall positiv und ließ mich wieder ein bisschen hoffen. Ich fand mehrere Artikel, in denen etwas über Krebs in der Schwangerschaft berichtet wurde und es hieß, dass heutzutage eine Behandlung während der Schwangerschaft möglich sei. Das hätte ich überhaupt nicht gedacht, zumal die Ärztin im Krankenhaus nicht so klang, das es da eine Möglichkeit gibt. Ich schöpfte wieder ein bisschen Kraft und teilte es gleich meinem Freund mit. Auch er hat im Internet recherchiert und mit seinen Eltern und seiner Schwester gesprochen. Seine Schwester wollte gleich morgen versuchen einen Termin in einer größeren Klinik (mit dieser arbeitet die Firma zusammen, in der sie arbeitet) zu vereinbaren. Und seine Eltern machten sich auf den Weg zu uns, um uns weitere Kliniken aufzuzeigen, von denen sie über eine befreundete ehemalige Ärztin wussten, dass dort eventuell eine bessere Behandlung möglich wäre.
Als seine Eltern wieder weg waren, rief ich noch mal meine Eltern in Dänemark an um ihnen mitzuteilen, dass wir morgen früh in einer anderen Klinik anrufen werden um dort mein „Problem“ vorzusprechen. Meine Mutter meinte, dass wir doch gleich persönlich hinfahren sollen und war sehr erleichtert, dass wir versuchen einen anderen Weg zu finden. Obwohl es schon fast Mitternacht war und wir am Ende unserer Kräfte waren, beschlossen wir, den Wecker für morgen früh um sechs zu stellen um uns dann auf den Weg in die Klinik zu machen. Obwohl wir überhaupt keinen Hunger hatten zwangen wir uns dazu eine Kleinigkeit zu essen und fielen dann vollkommen erschöpft in einen unruhigen, kurzen Schlaf.